SCHALL & RAUCH #01: Ruhe bitte! Rückzugsräume im Büro

Ruhe bitte! Wenn der Kollege rechts mal wieder laut telefoniert und die Kollegin links nervös mit den Fingern trommelt, wünscht man sich im Großraumbüro oft nichts mehr als absolute Ruhe. Doch im leisesten Raum der Welt im Ortfield Laboratory (USA) kann man die Stille nur 30 Minuten aushalten. Man fängt an, die Geräusche seines eigenen Körpers zu hören. (01)
Immer mehr Menschen arbeiten in Großraumbüros. In einer Studie von steelcase wurde 2014 festgestellt, dass nur 50% der Befragten sich an Ihrem Arbeitsplatz ausreichend konzentrieren können. Ebenfalls nur 50% haben die Möglichkeit, sich Ihren Arbeitsplatz nach Erfordernis auszuwählen, um bei Bedarf andere Orte zum Telefonieren oder für konzentriertes Arbeiten aufzusuchen. (02)
Das Großraumbüro ist eine Erfindung des 20.Jahrhunderts. Der Architekt Frank Lloyd Wright entwickelte 1936-1939 für die Firma Johnson Wax in Wisconsin (USA) einen großen Büroraum mit Tageslicht. Damals störte vermutlich nur das Klappern der Schreibmaschine. (03)
Das Konzept der Bürolandschaft wurde ab 1950 in Deutschland entwickelt. Eine absorbierende Decke und der Teppich sollten für eine gute Akustik sorgen. Pflanzen und mobile Trennwände sollten eine Form von Privatheit erzeugen. Dieses Konzept der Bürolandschaft wird auch heute in der Planung verfolgt, allerdings mit notwendigen Ergänzungen (04)
Dieser Grundriss wurde 1963 von Walter Henn tatsächlich für die Firma Osram umgesetzt. Es ist schwer vorstellbar, dass jemand in diesem Raum heute konzentriert arbeiten könnte. (05)
Wenn man sich einen Ort vorstellen soll, wo man konzentriert arbeiten kann, fällt vielen als erstes eine Bibliothek ein. Obwohl auch hier viele Menschen in einem offenen Raum zusammensitzen, hat jeder genügend Konzentration für die Arbeit. Allerdings darf hier auch keiner sprechen oder telefonieren. (06)
Die heutige Büroarbeit ist immer stärker von Kommunikation geprägt. So wichtig der Austausch ist, so sehr stört besonders das Telefonieren der anderen Kollegen im Raum. Außerdem soll auch nicht jedes Gespräch einen Kreis potentieller Mithörer haben. Aber wohin zum Telefonieren oder für eine kurze Abstimmung? Mancher Vieltelefonierer wird gleich ins Homeoffice verbannt. (07)
In der Öffentlichkeit ist die klassische Telefonzelle ein Auslaufmodell, da fast jeder mobil telefoniert und sich den geeigneten Ort für ein Gespräch suchen kann. Im Sinne der Nachhaltigkeit liegt der Vorschlag nah, diese ausrangierten Räume im modernen Büro einzusetzen. In der Praxis entsprechen diese jedoch nicht dem Bedürfnis nach einem Sitzplatz, frischer Luft und einem Platz für den Rechner. (08)
Eine Mönchszelle wie diese im Kloster La Tourette von Corbusier wäre sicher ein idealer Arbeitsraum, der den räumlichen Anforderungen genügen würde. Die Abgeschiedenheit dieser Räume lässt aber auch an Behördenflure denken, welche nicht den gewünschten Aus- und Einblick für den erforderlichen Austausch bietet. (09)


Rückzugsräume bzw. alternative, kleine Arbeitsräume werden immer wichtiger als Alternative zum festen Arbeitsplatz im Großraumbüro. Die Anforderung an diese Räume ist aufgrund ihrer geplanten intensiven Nutzung besonders hoch. (10)

Was muss man bei Rückzugsräumen beachten?

  • Größe von 1-6 qm nach Nutzungsanforderung
  • Transparenz durch Glasanteile
  • Beleuchtung nach Arbeitsstättenrichtlinien
  • Schallschutz nach DIN 4109 mit erhöhter Anforderung
  • Nachhallzeiten nach DIN 18041
  • Luftwechselraten der Kategorie IDA 2 nach DIN EN 13779
  • Raumtemperatur von max. 26 °C
  • Brandschutz
Die Nachhallzeit ist ein wesentliches Kriterium für eine gute Raumakustik. Sie gibt an, wie viele Sekunden es braucht, bis ein Ton sich um 60 dB - das heißt auf ein Tausendstel - verringert hat. Die Semperoper in Dresden hat eine mittlere Nachhallzeit von 1,6 Sekunden. (11)
Optimale Nachhallzeiten für kleine und mittlere Räume sind in der DIN 18041 definiert. Je kleiner ein Raum ist, umso kleiner sollte die Nachhallzeit sein. Um den Nachhall zu verhindern muss der Raum über genügend Flächen verfügen, die den Schall absorbieren können. (12)
In Zusammenarbeit mit der TU Berlin hat box aktuell einen kleinen Arbeitsraum für Telefonkonferenzen und kleine Besprechungen entwickelt. Durch Messungen am Prototyp konnte man feststellen, dass eine Nachhallzeit unter 0,2 Sekunden in diesem Raum als unangenehm empfunden wurde. Ebenfalls wurden an diesem Modell die Ergonomie des Arbeitsplatzes und der Schallschutz der Wände erprobt. (13)
Auch die Möbelhersteller haben die Notwendigkeit erkannt, zusätzliche Angebote an kleinen Arbeitsplätzen zu schaffen. Diese minimale Lösung zum Telefonieren von Prooff bietet in der Praxis jedoch nicht den erforderlichen Grad an Konzentration und Komfort für längere Gespräche. (14)

Größe: ca. 1 m²   Personen: 1   Konzentration: –   Flexibilität: -   Klima: +   Kosten: O
Mehr Schallschutz und Komfort bietet der Sonic Chair. Durch die Integration von Lautsprechern in einer absorbierenden Sitzschale ermöglicht der Sonic Chair ungestörtes Hören von Präsentationen. Störende Geräusche aus dem Raum können durch das Einspielen von angenehmen Hintergrundgeräuschen verringert werden. Bei einem Preis von 8.000-10.000 EUR stellt sich aber schon die Frage nach dem tatsächlichen Nutzen. (15)

Größe: ca. 2 m²   Personen: 1   Konzentration: O   Flexibilität: -   Klima: +   Kosten: -
Im Loungebereich der Lufthansa findet man verschiedene Varianten von Kurzzeitarbeitsplätzen, die den Reisenden die Möglichkeit für ein vertrauliches Gespräch oder für ungestörtes Arbeiten bieten sollen. Vielflieger kritisieren jedoch die Ausrichtung des Arbeitsplatzes zur Wand und ein Gefühl des Eingeschlossenseins. (16)

Größe: ca. 4 m²   Personen: 1-2   Konzentration: +   Flexibilität: -   Klima: +   Kosten: O
Das Swung House in Delft bietet flexible professionelle Arbeitsplätze ab 5,50 EUR pro Stunde. Nach Bedarf kann man sich auch konzentrierte Arbeitsräume mieten. Diese Räume, die eine moderne und transparente Form der Mönchszelle darstellen, eignen sich primär für stilles Arbeiten. Ein erhöhter Schallschutz ist bei dem hohen Glasanteil recht kostspielig. (17)

Größe: ca. 5 m²   Personen: 1-2   Konzentration: +   Flexibilität: -   Klima: +   Kosten: -
Die Glasräume dieser Marketingsuite wurden von box als flexible Arbeitsräume in Ergänzung zum umgebenden Großraum entwickelt. Die Größe ermöglicht Besprechungen bis zu 4 Personen. Durch eine zweischalige Verglasung werden sehr gute Schallschutzwerte erreicht. Die Einsehbarkeit kann durch zusätzliche transluzente Folien reguliert werden. (18)

Größe: ca. 6 m²   Personen: 2-4   Konzentration: +   Flexibilität: +   Klima: O   Kosten: -
In den neuen Büroflächen für Fyber in Berlin hat box 12 kleine Arbeitsräume geplant. Diese bieten 200 Mitarbeitern zusätzliche Arbeitsplätze für Besprechungen, konzentriertes Arbeiten und Telefonieren an. Die Räume können über ein internes Buchungssystem reserviert werden. (19)

Größe: ca. 6 m²   Personen: 2-4   Konzentration: +   Flexibilität: +   Klima: O   Kosten: -

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