SCHALL & RAUCH #02: Arbeit, Platz und Recht

Am Anfang war die Arbeit im Büro noch recht einsam. Im Laufe der Zeit änderte sich das jedoch und Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Gesetzgebung bildeten ein komplexes Geflecht im Spannungsfeld von Effizienz, Produktivität und Arbeitsschutz. (01)
Die Erfindung des Büros um 400 n.Chr. ist eigentlich die Erfindung des Tisches mit aufgelegtem Tuch. Um kostbare Buchumschläge nicht zu beschädigen, legen die Mönche zwischen Tisch und Buch ein Stück Tuch – die Burra –, aus dem sich das Wort Büro herleitet. Im frühen Mittelalter wird sie durch das geneigte Schreibpult ersetzt und später mit dem Stuhl ergänzt. (02)
Im 17. und 18. Jahrhundert stellen Spezialisierung, Arbeitsteilung und Serienfertigung in Manufakturen erstmals Anforderungen an die Größe und die Raumstruktur eines Büros. Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert kehren Schreibmaschinen und komplexe Strukturen in das Büro ein. Das erhöhte Produktionsvolumen bringt gesteigerte Anforderungen an Verwaltungsaufgaben, sowie mehr Belastung für Arbeitnehmer mit sich. (03)
Wirtschaftlichkeit von Büroräumen wird im 20. Jahrhundert zu einer wichtigen Thematik, die zunehmend für die Verdichtung von Arbeitsplätzen sorgt. In Frank Lloyd Wrights Larkin Building von 1904 hat jeder Arbeitnehmer weniger als 2 m² Fläche zur Verfügung. Auswirkungen auf die Konzentrationsfähigkeit der Arbeitnehmer unter diesen Bedingungen sind seiner Zeit nicht erfasst. (04)
Gesetzlichen Arbeitsschutz gibt es in Deutschland schon seit dem 19. Jahrhundert in Form von Bismarcks Versicherungsgesetzen und dem ersten Arbeiterschutzgesetz unter Kaiser Wilhelm II von 1891, welches Arbeitszeiten für verschiedene Arbeitergruppen regelt. Gesetzliche Richtwerte über die Dimensionierung von Arbeitsplätzen gibt es allerdings erst seit der Neuauflage des Arbeitsschutzgesetzes (ArbSchG) von 1975 – ob damit Großraumbüros wie der Handelsraum der UBS in Conneticut, USA möglich wären, müsste geprüft werden (05)
1996 werden EU übergreifende Regelungen in den Deutschen Arbeitsschutz aufgenommen, auf deren Grundlage die Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV) im Jahr 2005 neu aufgelegt wird. Diese beinhaltet fortan nur noch Rahmenbedingungen, die mit EU-Standards konform sind und den Arbeitgebern mehr Freiheit geben. Empfehlungen zur Einrichtung von Arbeitsplätzen werden in die Technischen Regeln für Arbeitsstätten (ASR) ausgelagert. (06)
Arbeitsplätze wie dieser aus einem Film von Katharina Horn entsprechen bezüglich der Abmessungen, der Zugänglichkeit oder der Beleuchtung wohl nicht den Technischen Regeln für Arbeitsstätten (ASR). (07)
Die ASR konkretisieren die Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV) in Form von anerkannten Regeln der Technik. So beinhalten sie zum Beispiel Richtwerte für die Dimensionierung von Verkehrs- oder Bewegungsflächen aber auch Aussagen über den Mindestflächenbedarf pro Arbeitsplatz in verschiedenen Bürotypen. (08)
Für verschiedene Möbeltypen und Arbeitsplatzgruppen sind unterschiedliche Flächenmindestmaße zu berücksichtigen, die zu unterschiedlichen Flächeneffizienzwerten führen. Möbel mit Auszug oder Flügeltür erfordern zum Beispiel einen Sicherheitsabstand und haben somit wesentlichen Einfluss auf die Flächennutzung. (siehe ASR A1.2 (5.5)) (9)
Der Trend zum Open Space Büro sorgt für eine Vielzahl möglicher Anordnungen von Arbeitsplätzen. Wichtig ist die Einhaltung von 1,24m² für eine Arbeitsfläche, sowie die Anpassung der Verkehrsfläche (ASR 1.8) nach Nutzeranzahl. Hieraus ergeben sich grobe Flächenrichtwerte für Kombibüros von 8-10m² pro Arbeitsplatz. (ASR A1.2 (5)) (10)
Hält sich der Arbeitgeber an die Vorgaben der ASR, kann er davon ausgehen, dass die gesetzlichen Anforderungen an den Arbeitsschutz erfüllt werden und er keine zusätzlichen Maßnahmen treffen muss. (11)
In den Richtlinien der ASR sind jedoch Widersprüche vorzufinden: Werden nur die vorgegebenen Mindestbewegungsflächen eingehalten, so ist der Mindestflächenwert pro Arbeitsplatz, besonders im CallCenter oder Großraumbüro, schnell unterschritten. Was tun? (12)
Die individuelle Gewährleistung des Arbeitsschutzes muss jeder Arbeitgeber nach ArbStättV in einer Gefährdungsbeurteilung zu seiner Arbeitsfläche zu nachweisen. Nach der Dachevaluation der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie führten 2012 51% aller deutschen Betriebe eine Gefährdungsbeurteilung durch. Dabei fällt auf, dass besonders in Kleinbetrieben und Unternehmen mit überwiegend Büroarbeit oft keine solche Beurteilung vorliegt. (13)
VBGcheck - Entsprechend dem Ergebnis der Gefährdungsbeurteilung hat der Arbeitgeber Maßnahmen gemäß den Vorschriften der ArbStättV „nach dem Stand der Technik festzulegen. Sonstige gesicherte arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse sind zu berücksichtigen.“ Es ist auch möglich, eine andere Lösung, als die in der ASR vorgeschlagen zu wählen, der Arbeitgeber muss jedoch nachweisen, dass er mindestens die gleiche Sicherheit und den gleichen Gesundheitsschutz für die Beschäftigten erreicht. (14)
Bei der Einrichtung von Büroarbeitsplätzen unter Berücksichtigung der Gefährdungsbeurteilung muss der Arbeitgeber sich durch eine kaum überschaubare Menge von Informationen und Richtlinien kämpfen. Jedoch kann die Thematik nur selten pauschalisiert werden. Hier sind individuelle Lösungen in Absprache mit den Mitarbeitern zielführend. (15)
Kontrolliert und bewertet wird die Umsetzung des Arbeitsschutzes durch die Berufsgenossenschaft VBG, sowie durch die Gewerbeaufsichten der Länder. Im Rahmen der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie arbeiten diese beiden Instanzen in enger Absprache nach den vom Bund erstellten gesetzlichen Grundlagen und können auch vorbeugend zur Beratung herangezogen werden. (16)
Arbeitsproduktiviät ist wichtiger als Flächeneffizienz: Zieht man in Betracht, dass sich die Kosten für die Einrichtung von Arbeitsplätzen nur auf 1-2% und die Flächenkosten auf 15-16% der Gesamtkosten belaufen, während die Personalkosten satte 80% einnehmen, wird klar, dass (aus der Gefährdungsbeurteilung) entstandene gute Arbeitsbedingungen nicht nur lästige Verpflichtungen, sondern eine gute Investition in die Produktivität des eignen Unternehmens sind. (17)
Beispiel Gruppenbüros und Lounge:
Die Firma netmobile in Düsseldorf arbeitet in Gruppenbüros mit bis zu 12 Mitarbeitern und durchschnittlich 6,9 qm anteilige Bürofläche (BF) je Arbeitsplatz, die durch Glaswände sehr offen wirken. Durch eine effiziente Raumaufteilung wird auch mit einer großzügigen Lounge nur 10,3 qm Mietfläche (MF) je Arbeitsplatz benötigt. (18)
Beispiel Open Space und Break-out Areas:
Bei der Start-Up-Fima Fyber dominiert die Offenheit. Während die Arbeitsplätze im Großraum sehr dicht angeordnet sind, bieten die Lounge mit Tischtennisplatte und Kicker ausreichend Platz für kreative Ideen und anderes Arbeiten. (19)
Beispiel Zellenbüros mit alternativen Arbeitssitutionen:
Die Immobilienberatung Valteq setzt in einem Altbau in Berlin auf klassische Gruppenbüros, kombiniert diese aber mit einer Raumsequenz aus Empfang, Bibliothek und Lounge, die auch für kurze Besprechungen und temporäre Arbeitsplätze verfügbar sind. (20)
Beispiel: Gruppenbüros und Telefonräume:
Die Logistikberatung 4flow AG bietet den Mitarbeitern neben Gruppenbüros verschiedener Größe auch eine Vielzahl von besonderen Arbeitsplätzen wie ein Eltern-Kind-Büro, Ruhearbeitsplätze und Telefonräume, die eine speziell entwickelte Akustik-Ausstattung haben. (21)